A A A

Freimaurerloge 'Schiller'

Startseite arrow Kant 28.03.2017

Hauptmenü

Startseite
Suche
Kontakt
Weblinks
Impressum

Artikel

Logengeschichte
Unser Namenspatron
Kant
Kant und die philosophischen Grundlagen einer humanistisch orientierten Welt Drucken

Geboren wurde der Sohn eines streng pietistischen Sattlermeisters am 22. April 1724 in Königsberg / Ostpr., 1732/40 auf dem humanistischen Gymnasium, 1740 Studium der Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaften und Theologie; 1747/55 Hauslehrer, 1755 Promotion und Habilitation; Privatdozent bis 1770, 1756 und 1758 Bewerbungen um eine Professur; ein Ordinariat für Dichtkunst lehnt er 1764 ab, ebenso Berufungen nach Erlangen (1769) und Jena (1770); 1766 Unterbibliothekar der Schloßbibliothek, 1770 Ordinarius für Logik und Meta­physik, 1778 Berufung nach Halle abgelehnt; die Hauptwerke erschienen zwi­schen 1781/90, 1794 Zensurkonflikt, 1796 Einstellung der Vorlesungen. Am 12. Februar 1804 starb Immanuel Kant, körperlich ein Zwerg mit normal großem Kopf, jedoch ein »Unikum in der gesamten menschlichen Geschichte«. Er rettete das Fundament des christlichen Glaubens; möglich, daß die Christen dies gar nicht bemerkten.


»Wir müssen bei Kant zwei Wesenheiten unterscheiden, die fast völlig voneinander getrennt sind: eine zeitgebundene und eine zeitlose. In seinen Ansichten über Staat und Recht, Gesellschaftsordnung und Kirchenregiment, Erziehung und Lebensführung steht er ganz auf dem Boden der Aufklärung; wo immer er sich ins Gebiet der Empirie begibt, stimmt er mit den führenden Geistern seines Jahrhunderts überein: in der Physik mit Newton, in der Theologie mit Leibniz, in der Ästhetik mit Schil­ler, in der Geschichtsschreibung mit Lessing. Als Philosoph aber, das heißt: als Erforscher der menschlichen Erkenntnis, war er ein völlig isoliertes Weltwunder, ein Gehirn von einer solchen formidabeln Überle­bensgröße, Schärfe des Distinktionsvermögens und Kraft des Zuende­denkens, wie es auf Erden nur einmal erschienen ist. Er nimmt nicht nur in seiner Zeit, nicht nur innerhalb der Menschheit, sondern auch unter allen Philosophen eine völlig einzigartige Stellung ein. Konfuzius und Buddha, Heraklit und Plato. Augustinus und Pascal und alle übrigen philosophischen Geister von Unsterblichkeitsrang haben sublime Gedankendichtungen hinterlassen; Kant hingegen war nichts weniger als ein Dichter, sondern ein reiner Denker, vermutlich der reinste, der je gelebt hat; was er gibt, ist nicht die individuelle Vision eines Künstlers, der durch die Wucht seiner Phantasie bezwingt, sondern die weltgültige Formulierung eines Forschers, der durch die Schlagkraft seiner Sagazität und Beobachtungsgabe überwältigt« (Egon Friedell).


Kant liest man nicht, man übersetzt ihn 

Johann Gottfried Herder (1744-1803), den wir 1763/64 unter den Hörern Kants finden, rühmt die witzige, spritzige Vortragsweise seines Lehrers, der die »fröhliche Munterkeit eines Jünglings hatte, die, wie ich glaube, ihn auch in sein greisestes Alter begleitete«. Er besaß offensichtlich eine Form der Phantasie, wie sie in dieser extremen, ja absurden Ausprägung, noch nie auf der Welt gewesen war. Er war der erste, der über »physi­sche Geographie« las, dieses Kolleg war sein besuchtestes und ihm selbst das liebste, er hat es fast jedes zweite Semester abgehalten. »Er schil­derte darin, obgleich er nie über den Umkreis seiner Vaterstadt hinausge­kommen war, nie das Meer, eine Weltstadt, eine reiche Vegetation, ein Gebirge oder einen großen Strom gesehen hatte, alle Regionen der Erde so lebhaft und anschaulich in ihren sämtlichen Einzelheiten, daß alle Uneingeweihten ihn für einen Weltreisenden hielten. Die Westminster­brücke beschrieb er einmal mit solcher Genauigkeit und Deutlichkeit, daß ein anwesender Engländer behauptete, er müsse ein Architekt sein, der mehrere Jahre in London gelebt habe. Dies war nämlich die Art seiner Phantasie: er vermochte sich Dinge anschaulich vorzustellen, die er nie gesehen hatte, ja die überhaupt noch nie ein Mensch gesehen hatte. Dieses Gebiet, daß nur er leibhaftig, deutlich und genau zu überblicken vermochte, war die menschliche Vernunft«.

Er hielt seine Vorlesungen in deutscher Sprache, der auch seine Haupt­schriften deutsch verfaßte. In ihnen ist von einem »unterhaltenden Umgang« allerdings kaum etwas zu spüren, er bevorzugt hier eher den trockenen Ton einer scholastisch anmutenden Gelehrsamkeit. Kant gilt als besonders »schwieriger« Philosoph, man kann ihn »im Nebenberuf« gar nicht lesen. Konrad Lorenz, einer seiner Nachfolger, hält das für ausgeschlossen.

Der Nobelpreisträger (1973) Konrad Lorenz (1903-1989) war es, der während des letzten Weltkrieges »durch einen ganz blödsinnigen Glückszufall« den Königsberger Lehrstuhl des Philosophenfürsten inne­hatte, und bescheiden bekannte: »Meine Frau fand es notwendig, mir einen Kant zu schenken. Und ich habe so als einen reinen Schuß ins Blaue einmal die »Prolegomena zur Kritik der reinen Vernunft« gelesen. Wirklich gelesen, von A bis Z. Das ist das einzige von Kant, was ich je wirklich gelesen habe. Denn Kant liest man nicht, Kant übersetzt man ins Deutsche. Und das war genau das richtige. Komischerweise«. Die Zahl derer, die auf ihre Weise längst zu derselben Ansicht gekommen sind, ist größer als mancher glaubt. Die meisten trauen sich bloß nicht, sie so ungeniert einzugestehen wie der große alte Mann der Verhaltensfor­schung. Deshalb hat das öffentliche Bekenntnis auf doppelte Weise eine befreiende Wirkung, selbst dann, wenn es sich um eine provozierend gemeinte Übertreibung gehandelt haben sollte. Vor allem zeigt das Bei­spiel, daß es offensichtlich möglich ist, den Kern der Kantschen Einsich­ten auch dann zu begreifen, wenn einem die komplizierten Texte unzu­gänglich bleiben, in denen ihr Urheber sie darlegt.

Empfohlen wird hier als Einstiegslektüre in Kants Gedankenwelt die 1783 erschienene »Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können«, in der die Fragestellung der zwei Jahre zuvor erschienenen »Kritik der reinen Vernunft« in der Absicht aufgenommen wird, die dort vorgestellten Entdeckungen näher zu erläu­tern. Diese Schrift, eine Art Kurzfassung der Erkenntnislehre, beginnt mit einer Vorbemerkung: »Diese Prolegomena sind nicht zum Gebrauch vor Lehrlinge, sondern vor künftige Lehrer, und sollen auch diesen nicht etwa dienen, um den Vortrag einer schon vorhandnen Wissenschaft anzuord­nen, sondern um diese Wissenschaft selbst allererst zu erfinden.«

 

Die Wirkung auf die Mit- und Nachwelt 

war ungeheuer. Ein schier uferloses Meer von Schriften für und wider unter dem Begriff »Kantliteratur« zusammengefaßt, ist auf uns gekommen. Ohne Kant undenkbar ist die Gruppe der großen idealistischen Systembildner des 19. Jahr­hunderts: Fichte, Schelling, Hegel, Herbart, Fries und Schopenhauer. Sie versuchten die Lehre des Königsbergers zu einem einheitlichen System zusam­menzufassen oder im Sinne des Empirismus zu überwinden (Positivismus). Bei großer Verschiedenheit der Grundbegriffe und des Aufbaus, ist ihnen gemein­sam, daß sie über Kants kritische Haltung hinausgehen und die gesamte Wirk­lichkeit aus einem geistigen Prinzip metaphysisch ableiten.

Eine weitere Gruppe der mit Kant sympathisierenden Vertreter des philosophi­schen Faches an den deutschen Universitäten hat sich mehr oder weniger schul­mäßig mit der Diskussion der Lehrsätze der Kantischen Hauptschriften befaßt. Sie sind allesamt vergessen, ihre Namen nur noch den Historikern bekannt. Sie haben sich den Spott des oft zitierten Schiller'schen Epigrammes zugezogen: »Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung setzt! Wenn die Köni­ge bauen, haben die Kärrner zu tun!« Einer von ihnen, ein Kant-Kommentator von Rang, hat dieses Schicksal jedoch kaum verdient:


Carl Leonhard Reinhold 

Förderte als Bahnbrecher die Verbreitung der Kantischen Philosophie in Deutschland. 1786/87 erschienen die »Briefe über die Kantische Philoso­phie«, 1789 eine Art Systematisierung mit der Schrift: »Versuch einer neuen Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens«. Sie hat auf die nachkantische Philosophie, insbesondere auf Schopenhauer stark eingewirkt. Ihm erschien Kants Vernunftglaube als Ausweg der als »unselig« empfundenen Alternative Aberglauben und Unglauben. Reinhold stand mit Kant über ein Jahrzehnt im Briefwechsel. Seine Biographie ist bemerkenswert.

Geboren am 26. Oktober 1758 in Wien, zunächst Jesuiten-Novize, 1774 im Barnabiten-Kollegium zu St.Michael Philosophie- und Theologiestudien, 1780 Priesterweihe, Novizenmeister und Lehrer der Philosophie, unter der Wirkung der Kantstudien tritt ein Umschwung in seinem Denken ein, 1782 Mitarbeiter der progressiven Wiener »Real-Zeitung«, im November 1783 Flucht aus dem Kloster über Leipzig nach Weimar, 1784 Übertritt zum protestantischen Bekenntnis bei J.G. Herder, 1785 Sachsen-Weimar'scher Hofrat, 18. Mai 1785 Heirat mit Sophie Wieland und damit ein Schwiegersohn des Weimarer Klassikers, Mitarbeiter an dessen »Teutscher Merkur«, 1787 ao. Professor für Philosophie in Jena, 1793 Ordinarius in Kiel, wo er am 10. April starb. Am 30.4.1783 Aufnahme in die Wie­ner Loge »Zur wahren Eintracht« am 4. Juli befördert und am 3. Oktober in den Meistergrad erhoben, außerdem Illuminat mit dem Ordensnamen »Decius«, 1787 Präfekt des Ordens in Jena. Um ihn vor den Nachfolgungen zu schützen, schick­ten ihn die Wiener Brüder mit Empfehlungen nach Weimar, 1800 in die Loge »Amalia« affiliert, Ehrenmitglied der Logen in Reval, Kopenhagen, Hamburg und Rendsburg, reaktivierte 1820 die Loge »Louise zur gekrönten Freundschaft« in Kiel, bis zu seinem Ableben deren Meister vom Stuhl; hat bereits in Wien mit wissenschaftlichen Artikeln zum Logenleben beigetragen und sich später auch mit maurerischen Reformplänen beschäftigt.


Friedrich Schiller 

Der sich ein Jahrzehnt lang mit der Kantischen Philosophie abmühte, ja abquälte, bestätigt in gewisser Weise das Diktum von Konrad Lorenz, daß man Kant »nicht liest, sondern übersetzt«. Aber er ist wohl auch der einzige unter den unmittelbaren Nachfahren des Königsbergers, der nicht nur nicht in der Vorhalle stehenblieb und im bloßen Fachgeschwätz versandete, sondern den großen Erziehungsplan ahnte, der hinter den »Kritiken« steht. Von ihm hat er wie eine Art Apostel zu den Zeitgenossen gesprochen, ihn hat er in seinen Dichtungen propagiert. Allerdings trug er durch die Verlegung des Schwerpunktes auf das ästhetische Gebiet zu dem besonders von der Catholica begeistert aufgenommenen Vorurteil bei, daß Kants Ethik eine rigorose Pedanterie sei, die man um ihrer lebensfremden Strenge willen ablehnen müsse bzw. übergehen könne. Dieses Vorurteil hat dahin geführt, daß in der ganzen späteren Entwick­lung über diesen wichtigsten Teil der kantischen Philosophie, dem Quell- und Angelpunkt des Ganzen, ein Schatten lag, der zwar nicht die fachli­che Auseinandersetzung mit Kants Ethik, aber doch die praktische Auswirkung im Leben, in der Erziehung, in der Politik usw. Verhinderte.


Das philosophische Werk 

Die Zeit von 1747/70 wird als Kants »vorkritische Periode« bezeichnet. In ihr sucht er sich im herrschenden System (Leibniz-Wolff'sche Philoso­phie) zu orientieren und mit Strömungen auseinanderzusetzen, die ihm in der zeitgenössischen Literatur belangvoll erscheinen mußten. Besonders stark machte sich dabei der Einfluß der Newton'schen Naturphilosophie geltend. Er war ja nicht nur Philosoph, sondern auch ein ausgezeichneter Naturwissenschaftler, der allerdings philosophisches Denken nicht verleugnete. In seinen an Isaac Newton orientierten Schriften zu Mathe­matik, Physik und Kosmologie kam er in seiner Schrift »Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verfas­sung und dem mechanischen Ursprunge des ganzen Weltgebäudes, nach Newtonschen Grundsätzen abgehandelt« (1755) zu einer Theorie der Entstehung astronomischer Systeme, die später als Kant-Laplace-Theorie in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen ist, sowie zu einer neuen Definition des Wesens der Materie als Kraft (Energie). Er befindet sich noch ganz im Bannkreis des physikotheologischen Gottesbeweises, der aus den Qualitäten der Schöpfung auf den Schöpfer schließt. Philo­sophisch steht er in seiner vorkritischen Phase noch ganz in der Tradition des Rationalismus (G.W. Leibniz, Chr. Wolff), doch werden bereits starke Spuren einer Auseinandersetzung mit dem Empirismus englischer Prä­gung (John Locke, David Hume) sichtbar, die ihn zur kritischen Revision der Grundlagen der rationalen Methode veranlaßte. Diese Neuorientie­rung mündete in die kritische Philosophie. Der Auftakt bildete die Inaugu­raldissertation aus dem Jahre 1770, gefolgt von einem Jahrzehnt fast völligen Schweigens des Schriftstellers, eine Zeit der stillen Arbeit, bis das kritische Hauptwerk »Die Kritik der reinen Vernunft« 1781 völlig ausgereift vorlag, ein Wendepunkt der neuzeitlichen Philosophie.


Die Erkenntnistheorie

In alle Einzelheiten verstehen zu wollen, ist für den Laien ein nahezu vergebliches Unterfangen, zumal Kant im Gebrauch seiner Ausdrücke nichts weniger als konsequent und eindeutig verfuhr: schon die Grundvo­kabel seiner ganzen Untersuchung, das Wort »Vernunft«, ist, da es abwechselnd für das Ganze unserer Erkenntnis und für das Vermögen der Ideen gebraucht wird, ein verwirrender und zwiespältiger Begriff. Im allgemeinen bezeichnet Kant jedoch mit Verstand (reine Vernunft) das Vermögen der Erkenntnis, mit (praktische) Vernunft das Vermögen der Ideen. Er nimmt eine vermittelnde Stellung zwischen den herrschenden philosophischen Richtungen ein, dem Rationalismus (Vernunftphiloso­phie) einerseits und dem Empirismus (Erfahrungsphilosophie) anderer­seits. Er sagt: beide haben ein bißchen recht. Die Rationalisten haben die Bedeutung der Erfahrung vergessen, die Empiriker wollen nicht sehen, daß das Erkenntnisvermögen (Verstand und Vernunft) unsere Auffassung der Welt prägt. Kant bezeichnete sein Konzept als die »kopernikanische Wende« in der Frage nach der menschlichen Erkenntnis. Damit meinte er, daß diese Überlegung ebenso neu und gegenüber der Tradition radi­kal anders war wie die Behauptung des Kopernikus, daß die Erde um die Sonne kreist und nicht umgekehrt. Wenn wir vom Ansatzpunkt seiner Untersuchung ausgehen, ist Kant »nahezu mühelos zu verstehen«. In der Literatur finden wir hübsche Beispiele, um Kants Gedankengang näher zu verdeutlichen:


Der Verstand: Das Erkenntnisvermögen 

Kant behauptet, daß sich nicht nur das Bewußtsein nach den »Dingen« richtet, die »Dinge« richten sich auch nach dem Bewußtsein. Wir setzen uns eine Brille mit rotgefärbten Gläsern auf. Was sehen wir? Wir sehen genau dasselbe wie vorher, nur ist alles rot. Das liegt daran, daß die Gläser festlegen, wie wir die Wirklichkeit erleben. Alles, was wir sehen, ist Teil einer Welt außer uns, aber wie wir etwas sehen, hängt auch mit den Brillengläsern zusammen. Wir können nicht behaupten, die Welt sei rot, auch wenn sie uns im Moment so erscheint. Wenn wir jetzt in den Wald gehen oder in das Haus, wir würden alles so sehen, was wir schon immer gesehen haben. Aber was wir auch immer sehen, es wäre rot. Solange wir die Brille nicht abnehmen. Aber wir besitzen eine uns angeborene »Brille«, die Voraussetzung dafür, wie wir die Welt sehen. Kant nennt sie die »Voraussetzungen« in unserer Vernunft, die alle unsere Erfahrungen prägen.

Welche »Voraussetzungen«? - Egal, was wir sehen, vor allem werden wir es als Phänomene in Zeit und Raum auffassen. Sie sind die »Formen der Anschauung«, die in unserem Bewußtsein vor jeglicher Erfahrung kommen. Das bedeutet, daß wir, ehe wir etwas erfahren, wissen können, daß wir es als Phänomene in Zeit und Raum auffassen werden. Wir sind unfähig, diese Brillengläser unserer Vernunft abzusetzen. Was wir sehen, hängt sonst davon ab, ob wir in Indien oder Grönland aufwachsen. Aber überall erleben wir die Welt als etwas in Raum und Zeit. Das können wir mit absoluter Sicherheit, a priori im voraus sagen.

Aber existieren Raum und Zeit nicht außerhalb unserer selbst? Möglich! Das aber können wir nicht wissen, ist in diesem Zusammenhang auch nicht das Entscheidende, diese Anschauungsweise gehört zu unserem Leben. Zeit und Raum sind vor allem Eigenschaften unseres Bewußt­seins und nicht zuerst Eigenschaften der realen Welt.

Das Bewußtsein ist keine passive Tafel, die nur Sinneseindrücke von außen registriert. Es ist eine kreativ formende Instanz, trägt selbst dazu bei, unsere Auffassung der Welt zu prägen. Sinneseindrücke fügen sich nach unseren »Formen der Anschauung«.

So ist es auch mit den von Kant genannten »Kategorien«, z.B. das Kausalgesetz. Auch diese sind Bestandteil der menschlichen Vernunft. Das Kausalgesetz gilt immer und absolut, einfach weil die menschliche Vernunft alles, was geschieht, als Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung betrachtet. Das Kausalgesetz liegt nicht in der Natur, sondern in uns. Wir werden auf diesen Punkt noch einmal zurückkommen.

Wenn wir morgens aus dem Hause gehen, können wir nicht sagen, was wir an diesem Tag sehen oder erleben werden. Aber wir wissen, daß wir das, was wir sehen oder erleben, als Ereignisse in Raum und Zeit auffas­sen, außerden können wir sicher sein, daß das Kausalgesetz gilt, einfach, weil wir es als Teil unseres Bewußtseins in uns tragen.

Der Unterschied, den Kant zwischen den »Dingen an sich« und den »Dingen für uns« macht, ist sein wichtigster Beitrag zur Philosophie. Wie die »Dinge an sich« sind, können wir nie sicher erfahren, wir können nur wissen, wie die Dinge sich »für uns« zeigen. Zum Ausgleich können wir ohne jede Erfahrung, also vor jeder Erfahrung (a priori) sagen, wie die Dinge von der menschlichen Vernunft aufgefaßt werden.


Die Vernunft: Das Vermögen der Ideen 

Ist unser Erkenntnisvermögen noch weiter begrenzt? Kant bejaht diese Frage und weist darauf hin, daß es klare Grenzen dafür gibt, was Menschen überhaupt erkennen können, z.B. bei den richtig »großen« Fragen der Philosophie: ob der Mensch eine unsterbliche Seele hat oder frei sei, ob es einen Gott gibt oder Unsterblichkeit. Er sagt, die Vernunft operiere bei diesen Fragen außerhalb der Grenzen dessen, was wir erkennen können, weil uns hierzu die Sinneseindrücke fehlen, die Teil unserer Erkenntnis ist. Wir haben keinen festen Stoff, in den wir hineinbei­ßen können. Die Vernunft laufe hierbei gewissermaßen im Leerlauf, da sie kein Sinnesmaterial »bearbeiten«, keine Erfahrungen hat, an denen sie sich reiben kann. Andererseits liegt aber in der menschlichen Natur oder der menschlichen Vernunft ein grundlegender Drang, derartige Fragen zu stellen. Bei den großen Fragen, die die Wirklichkeit im ganzen angehen, werden immer zwei genau entgegengesetzte Standpunkte gleich wahrscheinlich und gleich unwahrscheinlich sein. Die Vernunft kann zwischen den beiden Möglichkeiten nicht entscheiden, weil sie beide nicht »fassen« kann. Die Vernunft kann hier kein sicheres Urteil fällen, meint Kant, auch nicht in der Frage der Gottesbeweise, die er verwirft. Für die Vernunft ist es vielmehr wahrscheinlich und unwahrscheinlich zugleich, daß es einen Gott gibt, womit er nun in Fettnäpfchen tritt, wie er es realer gar nicht hätte machen können, obschon er damit die Grundlage des Glaubens rettete. Er läßt tatsächlich Raum für die Religion, dort nämlich, wo unsere Erfahrung und unsere Vernunft nicht hinreichen.


Exkurs: Das Evolutionskonzept 

Die Kantische Lehre bedeutet eine Eingrenzung der menschlichen Erkenntnis, die niemals das »Ding an sich« (das wirklich Seiende, wie es unabhängig von unserer Erkenntnis besteht), sondern nur die »Erscheinungen« (die »für uns« bestehen) erfassen kann. Vor der Frage, etwas über die reale Welt überhaupt erfahren zu können, hat er kapituliert. Heute kann dieser Kant'sche Pessimismus geheilt werden, jeder Gymnasiast kann das mit dem Hinweis auf das Evolutions­konzept, daß zu Kants Lebzeiten noch in weiter Ferne lag. Konrad Lorenz, Karl Popper und andere haben Kants genialen Entwurf zur »Evolutionären Erkennt­nistheorie« weiterentwickelt, die kurz und knapp besagt: Der unserem Denken eingeprägte Zwang, alles kausal geordnet zu sehen, stellt ein angeborenes Wissen über die Welt selbst dar, erworben im Ablauf der Evolution durch allmäh­liche genetische Anpassung an selektierende Umweltbedingungen. Jede Anpas­sung bildet einen Teil der realen Welt ab. Es gilt für Verhaltensweisen (Raum und Zeit) und für die Erkenntnisstrukturen (Kategorien). Die in unserem Erkennt­nisvermögen steckenden »Voraussetzungen« sind in Wahrheit nichts anderes als ein Abbild der in der realen Welt erkennbaren Ordnung. Unnötig zu sagen: das gilt auch für jedes andere irdische Lebwesen. Unser Erkenntnisapparat ist in der Auseinandersetzung mit der Umwelt entstanden, um uns das Überleben zu ermöglichen.


 

Der doppelte Kant 

Kant, der »Alleszermalmer« und »Atheist mit reiner Vernunft« und Kant, der »Allesverschleierer« und »Theist mit reiner Unvernunft«. Diese Legende spukt nicht nur durch die gesamte nachkantische Geschichte der Philosophie, sondern wurde bereits von seinen Zeitgenossen verbreitet. Einerseits ein radikaler Revo­lutionär, dämonischer Nihilist und unbarmherziger Zerstörer des bisherigen Welt­bildes, andererseits der kleine spießige Bürger einer weltentlegenen Provinz­stadt, altpreußisch, protestantisch, pedantisch, verwinkelt, konservativ, vor der Allmacht des Staates, dem Kirchendogma und der öffentlichen Meinung kapitu­lierend, korrekt bis zur Genrehaftigkeit, Tag für Tag nach derselben genauen Einteilung lebend, so pünktlich um dieselbe Stunde das Haus verlassend, vom Kolleg zurückkehend, zu Mittag essend, spazierengehend, daß die Nachbarn nach ihm die Uhren richteten. Geistreich und ironisch hat sich Heinrich Heine in seiner »Geschichte der Religion und der Philosophie in Deutschland« über diesen Kant geäußert und nachzuweisen versucht, daß er die »Kritik der prakti­schen Vernunft« nur seinem alten Diener Lampe zuliebe geschrieben habe:

»Nach der Tragödie kommt die Farce. Kant hat bis hier den unerbittlichen Philosophen traciert, er hat den Himmel gestürmt, er hat die ganze Besat­zung über die Klinge springen lassen, der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute [...], da erbarmt sich Kant und zeigt, daß er nicht bloß ein großer Philosoph, sondern auch ein guter Mensch ist, und er überlegt, und halb gutmütig, halb ironisch spricht er: »Der alte Lampe muß einen Gott haben, sonst kann der arme Mensch nicht glücklich sein - der Mensch soll aber auf der Welt glücklich sein - das sagt die praktische Vernunft - meinetwegen - so mag auch die praktische Vernunft die Existenz Gottes verbürgen.«

Kant selbst hat sich in der zweiten Auflage der »Kritik der reinen Ver­nunft«, die vor der ersten Auflage der »Kritik der praktischen Vernunft« erschienen ist, über diesen Punkt geäußert und gesagt: »Ich mußte das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen, und der Dogmatismus der Metaphysik [...] ist die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden Unglaubens, der jederzeit gar sehr dogmatisch ist.«


 

Kant-Studien 

Wer sich mit dem Kantischen Gedankengebäude näher vertraut machen möchte, sollte zunächst einmal zu den in großer Zahl vorhandenen Einführungen in das Leben und Werk Kants greifen. Das wohl umfangreichste akademische Kompen­dium dieser Art finden wir bei Kuno Fischer: Immanuel Kant und seine Lehre, bereits in 6. Auflage (Heidelberg 1928, Sonderausgabe der Wissenschaftl. Buch­gesellschaft) erschienen. Eine ausgezeichnete Einführung, die nahezu keine Frage mehr offen läßt, finden wir auch in der Kröner'schen Taschenbuchausga­be, Band 104: Die drei Kritiken in ihrem Zusammenhang mit dem Gesamtwerk. Mit verbindendem Text zusammengefaßt von Raymund Schmidt, Stuttgart 1952. Knapper gehalten sind die zahlreichen philosophiegeschichtlichen Werke, zum Beispiel Eberhard Orthband, Geschichte der großen Philosophen und des philo­sophischen Denkens, Hanau o.J.; ein Blick in die Verlagskataloge fördert nahezu Dutzende derartiger Werke zutage. Relativ knappe, aber durchaus erschöpfende Darstellungen für einen breiten Leserkreis finden wir sogar in der anspruchsvol­len Jugendliteratur, die auch weitere Bereiche philosophischen Denkens abdec­ken, etwa: Jostein Gaarder, Sofies Welt. Roman über die Geschichte der Philo­sophie, München 1993 (hier S.379-402). Ein intellektuelles Vergnügen bereitet Egon Friedell mit seiner Kulturgeschichte der Neuzeit, Sonderausgabe: München 1974, ein faszinierender Streifzug durch die geistige Welt abendländischen Denkens der Neuzeit. Durch seine Gabe einer ebenso klugen und klaren wie leuchtenden Sprache versteht der Verfasser ein Gedankengebäude wie die Kant'sche Philosophie nicht minder genial zu umreißen als den Zeitgeist, in dem der große Königsberger lebte.

Wer sich dem Lehrer Immanuel Kant direkt anvertraut, muß zu einer Gesamtaus­gabe greifen: Die alte Akademie-Ausgabe, Berlin (1908), ist m.W. vergriffen. Eine Studienausgabe: Kant. Werke in sechs Bänden. Herausgegeben von Wilhelm Weischedel, eine zwischenzeitlich nahezu unentbehrliche Edition, die in den Jahren 1956/64 in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt, erschie­nen ist, wird heute auch in einer preiswerteren Sonderausgabe angeboten. Einzelne Titel sind auch separat erschienen, zum Beispiel im bekannten Reclam-Verlag, Stuttgart, und in der Philosophischen Bibliothek des Verlages Felix Meiner in Hamburg. Man kann dann nach der Konrad Lorenz'schen Empfehlung, die übrigens von den Historikern der Philosophie durchweg geteilt wird, zunächst mit der Prolegomena und der Grundlegung der Metaphysik der Sitten anfangen, auf welche erst die Kritiken folgen sollten. Hinzuziehen sollte man in jedem Fall mehr oder weniger ausführliche Einführungen in die jeweilen Werke, um zunächst mal einen Überblick zu bekommen. Ausgezeichnet ist das Lexikon der philosophischen Werke, das erste dieser Art in deutscher Sprache, ein philoso­phisches Nachschlagewerk, das erstmals die einzelnen Werke in den Mittelpunkt stellt (Stuttgart 1988).

Die »Evolutionäre Erkenntnistheorie« als Weiterführung des Kant'schen Konzep­tes finden wir dargestellt in:

Hoimar von Ditfurth, Wir sind nicht nur von dieser Welt. Naturwissenschaft, Reli­gion und die Zukunft des Menschen, Hamburg 1982. Konrad Lorenz, Die Rück­seite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens, München 1973. Der Wiener Biologe und Systemtheoretiker Rupert Riedl ist mit drei Titeln vertreten: Die Strategie der Genesis. Naturgeschichte der realen Welt, München 1984; Evolution und Erkenntnis. Antworten auf Fragen aus unserer Zeit, München 1987; und Biologie der Erkenntnis. Die stammesgeschichtlichen Grundlagen der Vernunft, München 1988.

Thematisch wesentlich sind auch die Grundlagenwerke des bedeutenden Philo­sophen und Begründers des kritischen Rationalismus, Karl Raimund Popper. Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie sind fester Bestandteil seines Denkens. Er zeigt einen Kosmos, in dem es keine Bestätigungen von Wahrhei­ten, sondern nur Widerlegung von Irrtümern gibt; grundlegend: Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie, Tübingen 1979, und: Objektive Erkennt­nis. Ein evolutionärer Entwurf, Hamburg 1993. Popper gelangt in Übereinstim­mung mit dem Kant'schen Geist übrigens zu einer eindrucksvollen Begründung von Toleranz: »Nur wenn wir wissen, daß wir irren können, sind wir bereit, die Meinung des anderen zu respektieren.«


Gelegentlich kann man lesen und wird auch in den Medien verbreitet, Kant sei Freimaurer gewesen. Er gehörte dem Bund, der damaligen Königsberger Loge »Zu den drei Kronen«, persönlich nicht an, doch war er mit bedeutenden Freimaurern eng befreundet, u.a. mit dem preußischen Staatsrat Theodor Gottlieb von Hippel, Johann Gottlieb Frey, seinem Verleger Johann Jakob Kanter und seinem Testamentsvollstrecker Pfarrer Wasianski. Schaut man sich die Namensliste seiner Briefpartner an, finden wir unter ihnen ebenfalls zahlreiche, zum Teil bedeutende Freimaurer, u.a. Joachim Heinrich Campe (1746-1818), Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Johann Gottfried Herder (1744-1803), Carl Leonhard Reinhold (1758-1823) und Christoph Martin Wieland (1733-1813).


Den Tempel seines gewaltiges Gedankengebäude krönte Kant mit der »Kritik der Urteilskraft« (1790), ein systematischer Schlußstein, der die beiden Bereiche des Erkennens und Handelns mit einer »Kritik des ästhetischen Urteils« (Ästhetik) und einer »Kritik des teleologischen Urteils« (Zweckbegriff) miteinander versöhnt. Die Untersuchung der Grundsätze des Schönen und Erhabenen in Kunst und Natur sowie das Prinzip der Zweckmäßigkeit im Bereich alles Lebendigen, »krönt den Bau!« Nach dem Philosophiehistoriker Othmar Spann sein genialstes Werk. Für den Rest seines Lebens konnte er dann nur noch an der Ausfüllung der Fächer mitarbeiten, soweit es seine körperlichen und geistigen Kräfte gestatteten. Danach haben wir nur noch einzelne Bausteine und Fragmente. In seinem staatsphilosophischen Denken trat er für einen Rechtsstaat in republikanischem Sinn, für das Weltbürgerrecht und den »Ewigen Frieden« ein. Sein Gesamtwerk mündet in die großartige deutsche idealistische Philosophie ein.



Zur Geschichte der Intoleranz

Wenn uns heute im Fernsehen die Taliban, fanatisch-religiöse Eiferer von ursprünglicher Wildheit, in Afghanistan, vorgeführt werden, sind wir geradezu entsetzt. Wenn mit berechtigter Entrüstung über die Zerstörung unersetzbarer Kulturgüter berichtet und von Todesstrafen aus den nichtigsten Anlässen erzählt wird, dann unternehmen wir eigentlich eine Reise in die christliche Vergangenheit von der Antike bis zur Neuzeit; eine Zeitreise, die viele nicht wahrhaben wollen. Die Todesstrafe für einen vom Glauben abgefallenen Moslem wird nicht in erster Linie aus dem Koran abgeleitet, der im Gegensatz zur jüdischen und christlichen Heiligen Schrift, überhaupt keine körperlichen Strafen im Diesseits kennt. Der Koran überläßt die Aburteilung von Sündern dem Himmelsgericht. Konkrete Strafen im Diesseits sieht nur das traditionelle Recht, die in unterschiedlichen Ausprägungen entwickelte Scharia vor. Die Härte der Strafe wird von Experten damit erklärt, daß im Islam Staat und Religion als untrennbare Einheit betrachtet werden, wie im christlichen Bereich seit der »Konstantinischen Wende« im Jahre 313 bis zur europäischen Aufklärung im 18. Jahrhundert auch. Der Abfall vom Glauben wird hier wie dort als Erschütterung der sozialen Gemeinschaft gewertet und kommt gleichsam einem Staatsverrat gleich.

Mit einigem Recht hat der iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini (1902-1989), Begründer des modernen islamischen Fundamentalismus, seinerzeit Vermittlungsvorschläge seines »römischen Kollegen« entrüstet zurückgewiesen und diesen unverblümt an die stets geübten christlichen Praktiken, auch gegenüber den Muslimen, erinnert. Diese unheilige Vergangenheit allerdings sieht düster genug aus. Nur zur Erinnerung uninformierter Zeitgenossen:


Die »denkwürdigste Leistung« des »seligen« Papstes Urban II. (1088-1099) bestand in dem Aufruf zum ersten Kreuzzug, bei dem nach neueren Forschungen nicht weniger als 20 Millionen Menschen das Leben verloren. Diese Tollheit begann mit entsetzlichen Judenmassakern und endete mit der glorreichen Einnahme der heiligen Stadt am 15. Juli 1099. Die mit einem Ablaß und dem Versprechen ewiger Seligkeit belogenen und betrogenen Teilnehmer waren sich keiner Schuld bewußt:


Alle Verteidiger flohen von den Mauern durch die Stadt (Jerusalem), und die Unsrigen folgten ihnen und trieben sie vor sich her, sie tötend und niedersäbelnd bis zum Tempel Salomos, wo es ein solches Blutbad gab, daß die Unsrigen bis zu den Knöcheln im Blut wateten. Nachdem die Unsrigen die Heiden endlich zu Boden geschlagen hatten, ergriffen sie im Tempel eine große Zahl Männer und Frauen und töteten oder ließen sie leben, wie es ihnen gut schien.


Den geistigen Urheber der entsetzlichen Greuel muß vor Freude über diese »denkwürdigste Leistung« seines Pontifikats der Schlag getroffen haben, zwei Wochen später, am 29. Juli 1099, ist er selig entschlafen.


Ein »von Haß, Zwietracht und Feindschaft« geprägter Oberhirte war auch Papst Innozenz III. (1198-1216), der seinen Vorgänger an Glaubenseifer noch bei weitem übertraf. Er zeichnet nicht nur für den 4. Kreuzzug mit der Zerstörung Konstantinopels, für den katastrophalen Kinder-Kreuzzug, sondern auch für die Albigenser-Verfolgungen verantwortlich, um nur einige seiner »denkwürdigsten« Leistungen zu nennen.

Der Historiker Steve Runciman schreibt über die Plünderung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahre 1204: »Eine herrliche Stadt wurde zerstört, vernichtet vom Feuer, beraubt von Banden abendländischer Völker, niemals zuvor hat es ein größeres Verbrechen an der Menschheit gegeben«, nach dem Oberhirten lediglich ein »Mysterium und Ratschluß Gottes«. Ein Mysterium muß auch der Kinder-Kreuzzug vom Juni 1212 gewesen sein. 40.000 Kinder, Mädchen und Knaben, wurden gegen die »Ungläubigen« gehetzt. Keines von ihnen kam an, viele starben, bevor Marseille erreicht war; viele ertranken im Meer, die Überlebenden wurden auf afrikanischen Sklavenmärkten verkauft.

Mit geradezu unglaublichen Greueln verbunden war auch der Albigenser-Kreuzzug des Jahres 1209. Der »überspannte fanatische Glaubenseifer« richtete sich diesmal nicht gegen »Ungläubige«, sondern gegen Christen. »Wer einen Albigenser tötet, hat seinen höchsten Platz im Himmel«, verkündete der »Stellvertreter Christi«. Mit »hemmungsloser Eroberungsgier und wilder Mordlust unentwirrbar verbunden«, eröffnete er damit »eines der abstoßendsten und traurigsten Kapitel der Kirchengeschichte« (Franz Seppelt, Historiker). Auf die Frage eines Gotteskriegers, er könne die »Ketzer« nicht von den Rechtgläubigen unterscheiden, fand der mit der Durchführung beauftrage päpstliche Kardinal-Legat die weise salomonische Entscheidung: »Schlagt sie alle tot, der Herr wird die Schafe von den Böcken scheiden«.

Nach der offiziellen römischen Geschichtsschreibung gehört dieser Pontifex »in die Reihe der weltgeschichtlichen Gestalten, Maßhalten bestimmte sein Verhalten; eine Herrschernatur, die außergewöhnliche intelligente Begabung und Charakterstärke mit Entschlossenheit, Flexibilität, seltenem Geschick im Umgang mit Menschen und Humanität vereinte«. Er »hatte eine hohe Auffassung von seiner Position als ›Stellvertreter Christi‹ (ein Titel, den er geläufig machte)«, der »in die Mitte gestellt zwischen Gott und die Menschen, geringer als Gott, aber größer als der Mensch und dem, nicht nur die universale Kirche, sondern der ganze Erdkreis zum Regieren anvertraut« war. Man bekommt schon runde Augen, wenn man derartige unverschämte Rechtfertigungsversuche vor dem realen zeitgenössischen Hintergrund liest.

Ein heute amtierender Papst hat im Rahmen einer publikumswirksamen Gründonnerstags-Inszenierung den ewigen Gott für die geschichtlichen Verfehlungen seiner Kirche (?) um Verzeihung gebeten, für »irrende Brüder und Schwestern«. Schauspielerische Begabung kann man ihm wahrlich nicht absprechen, dem Herrn Dr. Karol Woytila alias Johannes Paul II., der mit gequälten Gesichtszügen via Fernsehen seine Show ablaufen ließ. Man muß nur fragen dürfen, was die Schwestern damit zu schaffen hatten, die doch stets nur die erbarmungswürdigen Opfer klerikaler Gewalt waren, und warum ausdrücklich das »irrtumslose Lehramt« davon ausgenommen wurde. Man muß schon fragen dürfen, ob angehende Theologen nur mit der Apologetik vertraut gemacht werden und nicht auch mit systemimmanenten konkreten geschichtlichen Ereignissen einer unheiligen Kirchengeschichte. Eine derartige Heuchelei kann wohl kaum überboten werden.

Im Gedenken an glorreiche Zeiten schielt Rom seit der iranischen Revolution ziemlich neidisch auf die islamische Welt und auf die schier unglaubliche Martyriumsbereitschaft junger Muslime. Ein päpstlicher Aufruf an die europäischen Völker nach dem Mauerfall, der nun wieder vereinte Kontinent müsse sich nun wieder dem Herrn Jesus Christus zuwenden, natürlich unter römischer Oberhoheit, hat nach anfangs zögernder Bereitschaft kaum geholfen. Zunehmend informiertere Menschen sind heute skeptischer gegenüber klerikaler Anmaßung und Heuchelei. Auch die orthodoxen Brüder im Osten zeigen Rom die kalte Schulter, offensichtlich sind deren historische Erfahrungen noch nicht ganz vergessen, jedenfalls wird von ihnen die offizielle römische Auffassung nicht geteilt.

Einen gangbaren Weg um in der heutigen, immer skeptischer werdenden westlichen Gesellschaft zu größerer Akzeptanz zu kommen, hat der unpolitische und vorbildliche Papst Johannes XXIII. (1958-1963) aufgezeigt. Er besaß nur den unverzeihlichen Fehler, sich an dem »Geist Christi« zu orientieren, nicht konservativ genug zu sein. Es besteht durchaus der nicht ganz unbegründete Verdacht, daß seine Seligsprechung nur die gleichzeitig erfolgte kanonische Erhöhung des extrem antiliberalen IX. Pius (1846-1878) kaschieren sollte.

Über lange Jahrhunderte fiel es schwer, massentaugliche Ideal-Päpste zu finden. Zahlreiche römische Päpste, die sich vielfach durch skrupellose und harte Persönlichkeitsmerkmale auszeichneten, deren intoleranter Glaubenseifer und unglaubliche Menschenverachtung sich stets auf das »irrtumslose« Wort Gottes stützten, haben die volle Verantwortung für die zahllosen Greuel einer unseligen Kirchengeschichte zu tragen. Ein pathologischer Haß auf Andersdenkende und Meinungsfreie ließ sie zu Verbrechern werden, wie auch Stalin, Hitler und Himmler. Auch diese haben persönlich keinen Menschen umgebracht. Wollte man sie aus diesem schlichten Grunde von aller Verantwortung freisprechen, könnte man z.B. rechtsradikale »Gläubige«, die ein derartiges Argument vorbringen, unbedenklich in eine Irrenanstalt einweisen.

Wird noch immer ein grundsätzlicher Unterschied zwischen politisch und religiös motivierten Verbrechern gemacht? Den vielen erbarmungswürdigen Männern, Frauen und Kindern jedenfalls war es ziemlich egal ob sie wegen einer »irrtumslosen Wahrheit«, ihrer Rassenzugehörigkeit oder wegen Inakzeptanz einer weltlichen Ideologie umgebracht wurden. Sie wurden in jedem Falle Opfer einer inhumanen Intoleranz und Menschenverachtung. Auch heute noch. Derartige Phänomene aber treten nicht mehr ganz so offen auf.

Wir sollten uns nicht täuschen. In Koalition mit politischen Parteien können von Verbänden der organisierten religiösen Überzeugungsbildung und -beeinflussung auch weiterhin Gefahren für ein allgemeines Klima der Toleranz und der Offenheit ausgehen. Geistige Freiheit wächst langsam, ist noch lange nicht überall etabliert, stets gefährdet. Angriffe auf gesellschaftlich heilige Kühe wecken schnell unheiligen Zorn, der gern von interessierter Seite orchestriert wird. Die abendländische Geistesgeschichte erweist diese Tatsache unabweislich. Denken wir nur an die offen geschürten emotionalen Wogen, die das Kruzifix-Urteil auslöste. Der Haß wächst leider schnell. Menschen, die das wissen, nutzen das bewußt aus. Sympathien zwischen den Menschen zu stiften, bleibt eine ständige Aufgabe. Oft braucht es nur einen wildgewordenen Dummkopf mit einem losen Mundwerk, um Haß und Despotie zu verbreiten, nicht nur im islamischen Kulturbereich.

 

Br:. Heinz Schuler (1928 - 2007) 


 
< zurück
[ Zurück ]
 
TOP