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Freimaurerloge 'Schiller'

Startseite arrow Unser Namenspatron arrow VIII. Die "Ode an die Freude" 28.06.2017

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VIII. Die "Ode an die Freude" Drucken


Kein anderes Werk Schillers ist heute so populär und so oft in Musik gesetzt worden wie die Ode An die Freude, sein berühmtestes Gedicht, das die Krönung der 9. Sinfonie werden sollte, ihre weltgültige musikalische Formulierung. Alle Welt kennt Beethovens aufwühlende Melodie, doch nur wenige Schillers Worte. Sie beginnen mit der Aufforderung zur Brüderlichkeit unter allen Menschen und enden mit der Ermahnung zu Männerstolz vor Königsthronen:


Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum,
Deine Zauber binden wieder, was der Mode Schwerdt getheilt.
Bettler werden Fürsten Brüder. wo dein sanfter Flügel weilt.

Chor:

Seid umschlungen Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder - überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein,
Wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein!
Ja - wer auch nur eine Seele sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer´s nie gekonnt, der stehle weinend sich aus diesem Bund!

Chor:

Was den großen Ring bewohnet, huldige der Sympathie!
Zu den Sternen leitet sie, wo der Unbekannte thronet [...]

Festen Mut in schweren Leiden, Hilfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden, Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königsthronen, Brüder, gält es Gut und Blut!
Dem Verdienste seine Kronen, Untergang der Lügenbrut!

Chor:

Schließt den heil´gen Zirkel dichter, schwört bei diesem goldnen Wein,
Dem Gelübde treu zu sein, schwört es bei dem Sternenrichter!



Man muß vermutlich kein Freimaurer sein um die maurerische Zweckbestimmung dieser Poesie zweifelsfrei erkennen zu können. Bis in die kleinsten Einzelheiten entstammt der Gedankengang, das Vokabular und der Sprachduktus der Logenwelt. Wenn nicht schon vorher durch den vertrauten Umgang mit befreundeten Freimaurern vorbereitet, muß Freund Körner den Dichter mit diesem Gedankenkreis innig vertraut gemacht haben. Wenn man die zahlreichen maurerischen Liedertexte und Gedichte und sonstige Texte mit dem Schillerschen Poem vergleicht, ist die Übereinstimmung geradezu verblüffend. Der Text entstand im September 1785 in Dresden und war mit der Musik von Christian Gottfried Körner für maurerische Tafellogen bestimmt. An seinen Verleger Göschen schrieb Schiller im November 1785: Das Gedicht An die Freude ist von Körnern sehr schön komponiert. Wenn Sie meinen, so können wir die Noten, welche nur eine halbe Seite betragen, dazu stechen lassen? Das Lied wurde in Logenkreisen sofort begeistert aufgenommen und fand schnell weitere Verbreitung, wie jener Brief beweist, den ein Bruder von Zerboni aus Glogau im Auftrag seiner Loge im Dezember 1792 an Schiller schrieb:

Die hiesige Maurerloge zur goldenen Himmels-Kugel hat mir den Auftrag gemacht [...] in ihrem Namen für die erhaben frohen Empfindungen zu danken, welche die Absingung Ihres Liedes an die Freude bei ihren Tafellogen bisher in jedem Individio erweckt hat, und Ihnen zugleich zu melden: daß wir ohne Rücksicht, ob Sie vielleicht unseres Bundes sind oder nicht, nie unterlassen, bei jedem maurerischen Feste mit inniger Bruderliebe Ihrem Genius für die immerwährende Energie Ihres Geistes eine Libation zu bringen.

Die Glogauer Brüder waren offenbar der Auffassung, Schiller sei ebenfalls Freimaurer und gedachten des verehrten Bruders in Form einer Libation (Trankopfer), d.h. sie leerten auf sein Wohl die Gläser, ein beliebtes Ritual im Rahmen einer maurerischen Tafelloge.

Der Text allerdings wurde von Schiller nach dem Ausbruch der Französischen Revolution etwas entschärft. Aus Was der Mode Schwerdt geteilt wurde Was die Mode streng geteilt; statt Bettler werden Fürsten Brüder (eine typisch maurerische Redewendung), hieß es dann: Alle Menschen werden Brüder. Es waren offensichtlich Kompromisse an die Obrigkeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts, Schiller neutralisierte und paßte sich nach dem Ausbruch der Französischen Revolution dem Zeitgeist an.

Und weil es so gut in die heutige Zeit paßt und auch zu diesem Thema: Da hat in jüngerer Zeit der Bruder Marcel Valmy (gest. 2001) von der Loge Zur Kette im Orient München zur Beethoven-Melodie Freude schöner Götterfunken eine recht gelungene neue Europa-Hymne verfaßt, die wie folgt lautet:

Schließt den Bund der Vaterländer, gebt Europa Ziel und Sinn!
Knüpft der Freundschaft feste Bänder, über alle Grenzen hin!
Schwestern, Brüder aller Zungen, sprecht hinfort in einem Geist!
Jedes Werk ist wohlgelungen, wo sich Einigkeit erweist!
Schließt den Bund der Menschenherzen, wider die Vergangenheit!
Allen Irrtum, alle Schmerzen, alle Wunden heilt die Zeit!
Wenn wir uns die Hände reichen, treu zu wahrem Menschentum,
Werden alle Schatten weichen, zu Europas höh´rem Ruhm!

Zu den bedeutendsten und bekanntesten Werken Beethovens gehört unstreitig seine Neunte Sinfonie. Diese gewaltige kompositorische Leistung wird gekrönt durch Schillers humanistische Botschaft, heute als Song of Joy versimpelt und vermarktet. Sein ganzes Leben lang dachte er daran, Schillers Hymne an die Freude in Musik zu setzen. Schon mit dreiundzwanzig Jahren skizzierte er einen Entwurf zu den Versen. Doch als er begann, sein gewaltiges Werk zu komponieren, änderte er nur die erste Strophe des Dichters nicht ab. Dagegen entnahm er den ersten Teil der zweiten Strophe für den Chor der sechsten Strophe von Schiller und den zweiten Teil der dritten Strophe. Warum diese Neugestaltung, die Schillers ganze Anordnung umwirft? Dafür gibt es einen guten Grund. Für Beethoven behalten von allen beredten Worten des Dichters nur drei Begriffe die Oberhand, das Motto der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Das Ideal des großen Musikers ist es, eine geradezu himmlische Freude zu schaffen, aber wer diese Freude zu fühlen vermag, kann ohne Brüderlichkeit mit seinen Mitmenschen nicht leben, und an diese Empfindung ist wiederum die Entwicklung der Beziehungen zum All und zum Schöpfer gebunden. Das ist die einzige Idee Beethovens, an der er festhält und die er auf seine Weise ausdrückt. Die Sinfonie geht mit dem großen Umsturz der Seele zu Ende: Freude, Freude, Freude - die einzige Kraft, die es dem Menschen erlaubt, weiter als je auf dem Weg zur Vollkommenheit fortzuschreiten. Den Aufruf zur Besinnung auf die höchsten menschlichen Ideale hatte Schiller den Freimaurern zugedacht. Sie enthält die Kerngedanken, die neben Schiller auch Beethoven zu den weltanschaulichen Leitgedanken seines Lebens gemacht hat. Die Sinfonie mit Schillers Versen wurde damit zur Kantate, zu einer Hymne der Menschheitsverbrüderung; feierliche, von mildem Ebenmaß erfüllte Weisen, die so recht das eindeutige Verhältnis des Menschen zur Welt und zur Menschheit selbst ausdrücken, jenes Verhältnis, das den klassischen Menschen auszeichnet: Strenge gegen sich selbst, Milde gegen den Mitmenschen und der Wille, sein Schicksal selbst zu meistern. Also das, was wir einen harmonischen, festgeformten, charaktervollen Menschen nennen.

 
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